Verantwortung…

…ist schon ein kompliziertes Konzept, irgendwie. Man handelt, übernimmt Verantwortung – erhält dadurch das Recht auf Entscheidungs- und eben Handlungsfreiheit und wird gleichzeitig haftbar für das, was man tut. Du kannst tun, was du willst, was du _für_richtig_hälst, aber überlege es dir gut, weil die Konsequenzen auf dich zurückfallen werden. So lautet der Deal, soweit die Theorie… zumindest wenn man sich für fähig hält oder für fähig gehalten wird, so einen abzuschließen. ‚Geschäftsfähig‘, quasi, nur ersrteckt sich das auch auf nicht-materielle Bereiche. Verantwortungsbewußt.

Wieso mache ich mir Gedanken über so ein Thema? Ich bin jetzt 28, wohne seit… mindestens 2 1/2 Jahren komplett allein (davor Studentenwohnheim/Internat –> Übergangslösung) und soeben startet das erst mal, was ich schon seit Jahren vor mir her schiebe – das Projekt ‚kein Kontakt zu meiner Mutter‘.

Hat sich spontan so ergeben, ich wollte gestern eine Freundin besuchen, Details waren noch nicht ganz klar, vielleicht doch verschieben, vielleicht doch erst nachmittags? Kann man ja auch spontan entscheiden. Meine Mutter hatte mir morgens den Hund vorbeigebracht, weil sie zum Arzt musste, ich hab also auf Gitte aufgepasst und 3 Stunden später (gegen 10) kam sie zurück, brachte Brötchen mit und wollte noch schnell ein paar Emails/Rechnungen schreiben.

Eckumstände: Wir haben je eine eigene Wohnung in etwa einem km Abstand, ich studiere und arbeite (von zu Hause und mobil als Hundetrainerin), Mutter ist Rentnerin, arbeitet ebenfalls von zu Hause aus… oder besser gesagt, in meinem Arbeitszimmer. Hat sich so ergeben, sie hatte keinen Platz für den Bürokram in ihrer Wohnung, ich hab eh das Arbeitszimmer hier, also nutzt sie es mit. Hat auch einen Schlüssel für die Wohnung, ist ja auch ganz praktisch, wenn sie mal auf den Hund aufpassen soll oder so. Ich hab ja auch einen Schlüssel für ihre Wohnung, aus ähnlichen Gründen.

Also kam sie gestern vormittag zum Arbeiten her, fragte, wie es aussieht mit der Planung wg Treffen mit Freundin, bla, wissen wir noch nicht, ich telefonier gleich mal mit ihr. Hab ich dann. Ergebnis: Wir machen doch vormittags, in einer halben Stunde etwa fahre ich hier los. Teilte ich so dann auch meiner Mutter mit… und damit nahm das Drama ihren Lauf.

Mir ist nicht unbedingt daran gelegen, den folgenden… Austausch hier exakt wiederzugeben. Sie lies alles was sie tat stehen und liegen, schnappte sich den Hund, wollte gehen, war sauer. Ich hätte sie ‚belogen‘ (weil ich sagte, eventuell treffen wir uns erst am Nachmittag), sie habe mit mir einen Sonnenschirm einkaufen wollen. Alles klar, kein Problem, dann holen wir eben den doofen Sonnenschirm und ich fahr danach? Ist doch noch genug Zeit? Nein, das will sie jetzt nicht mehr, sie geht jetzt und sie geht jetzt und… ja. Allgemeine Hysterie.

Vermutlich schwer nachzuvollziehen, ich hab in dem Moment versucht, sie zu einem ruhigen Gespräch zu zwingen, indem ich sagte, ich ließe sie erst aus der Wohnung, wenn sie kurz durchatmet und mir erklärt, was hier los ist. ‚Lass mich jetzt gehen, was du immer mit mir machst, du bist so penetrant, ich hab schon wieder Sehstörungen (Anm.: stressbedingt, Symptom von Migräne), du bist so furchtbar, lass mich jetzt gehen.‘ Ich war sauer, hab gesagt, es könne doch nicht sein, dass ich permanent für ihre Belange zur Verfügung zu stehen habe. Daraufhin rastete sie so richtig aus…

Wie wohl zu vermuten hat dieser Diskussionspunkt (…) bei uns eine lange Vorgeschichte. Meine Oma/ihre Mutter lebt allein und wird quasi ausschließlich von meiner Mutter versorgt, sonst besucht sie im Grunde keiner mehr (was damit zusammenhängt, dass sie ein absolutes Ekel ist…). Sie lässt sich von Oma permanent schikanieren, hat regelmäßig regelrechte Hassattacken in ihre Richtung (die sie nicht auslebt, zumindest nicht Oma gegenüber) und sagt selbst, sie habe von klein auf ihr Leben nach ihrer Mutter ausgerichtet und, hier wird es witzig, dass sie mir das auf keinen Fall wünscht und ja ach-so-großartig findet, dass ich nicht so bin und nie an sie denke (…) sondern immer nur an mich (…!) und immer mache was ich will und woran ich Spaß habe (… …?!) und das ist ja so toll, das ich so egoistisch bin (….?), sie wünschte, sie hätte auch so sein können.

Witzig an der Sache…? Es ist nicht so, ich richte mein Leben waaaay zu sehr nach ihr aus, spätestens seit der Trennung meiner Eltern (vor knapp 20 Jahren) bin ich Partnerersatz und klar parentifiziert. Sie hat so gut wie keine Sozialkontakte – mich, meine Oma (s.o.), meine Tante (die quasi eine jüngere Version meiner Oma ist, zumal schwer lungenkrank). Das war es im Grunde… es gibt noch eine Cousine und eine Freundin die sie in der Kur kennengelernt hat, die wohnt allerdings 500km entfernt, ist verheiratet und 6 Monate im Jahr in Thailand.

Wenn man meine Mutter also mal von weitem betrachtet… und wenn man davon ausgeht, dass sie _nicht_ in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen (ich könnte jetzt hier diverse Anekdoten und Beispiele rausholen, die veranschaulichen, wieso ich das denke. Wie meine Mutter sich die Investition in Popcornautomaten als totsicheres Geschäft hat aufschwatzen lassen, sich wieder meinen Rat und jede Vernunft einen Hund zulegt, dessen Pflege dann an mir hängen bleibt… viele weitere Beispiele, die schlicht zu intim sind, sie hier aufzuschreiben.), wer bleibt dann für diesen Job übrig…?

Genau. Hi. >>‘

Ja, ich weiß, dass das ungesund ist. Ich weiß, dass es sehr wahrscheinlich auch ein Teil meiner Persönlichkeit (will sagen: Verkorkstheit) ist, der dazu geführt hat, dass ich die ganzen Jahre lang wunderbar ihre Muster mitgetragen und unterstützt habe. Im Grunde ist unser Verhältnis eine Co-Abhängigkeit… und die Schuld dafür liegt grundsätzlich nicht nur bei einer Person.

Daneben gibt es aber noch ein paar andere Fakten. Zum Beispiel, dass ich seit über 10 Jahren in Therapie bin, ambulant, stationär, in zig Varianten, und einen großen Teil meiner Zeit und Energie eben darin gesteckt habe, die Verhaltensmuster, die mein Leben so verkomplizieren, aufzudecken und zu verändern. Ich stelle mich meinen Fehlern und ich versuche, mich zu ändern. Ich bin bereit, dafür unangenehme Dinge zu tun und mir Eigenschaften zuzugestehen, mit denen ich mich lieber nicht identifizieren würde.

Vielleicht versucht meine Mutter das auch… ich weiß es nicht. Vielleicht ist sie einfach nicht in der Lage dazu. Fakt ist, dass sie… fast gar nicht reflektiert, was sie tut und wieso. Wie ein Kind.

Ein weiterer solcher Fakt wäre, dass ich in dieser Beziehung das Kind bin oder zumindest war und es ganz hilfreich sein kann, so als Kind, eine Erwachsene Leitfigur zu haben. Weniger hilfreich ist es dagegen, Leitfigur für einen Erwachsenen sein zu müssen, wenn man selbst noch gar nicht weiß, wo man im Leben steht. Funfact: Wenn man vermeiden möchte, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, ist es tatsächlich ein sehr zweckmäßiger weg, lieber die Verantwortung für das Leben einer anderen Person zu übernehmen. ‚An sich zu reissen‘ könnte man sagen, allerdings ist es nicht so, dass da viel reissen nötig gewesen wäre, sie hat sie mir quasi vor die Füße geschmissen.

..aber ich schweife ab. >>‘ Wir stritten, irgendwann wurde es mir zu viel, ich gab den Weg frei, sagte sie möge meinetwegen gehen, brauche dann aber echt nicht wiederzukommen, dass sie krank ist und Hilfe braucht und dass sie wenigstens keinen Blödsinn mit dem Hund machen solle, sondern sie zu mir bringen, wenn sie mit ihr nicht klarkommt/darüber nachdenkt, sie abzugeben.

Sie stürmte von dannen und ward nicht mehr gesehen. Ich telefonierte mein übliches Sicherheitsnetz ab, um den emotionalen Tiefflieger abzufangen – Freunde, Therapeut – und tat, was ich für therapeutisch sinnvoll hielt, nämlich meine Sachen packen und zu der geplanten Verabredung zu fahren. Glücklicherweise ist mein Vater derzeit im Urlaub und ich kann daher bis Mittwoch sein Auto nutzen, mein eigenes habe ich vor ein paar Wochen verkauft, hauptsächlich, um aus der finanziellen Abhängigkeit zu meinen Eltern (hier größtenteils: meinem Vater) zu entkommen.

Ich habe mich bemüht, einen schönen Tag zu haben… und es ist mir auch fast gelungen. Ja, ich hab natürlich eine ganze Weile über meine Mutter geredet, ja, ich habe Migräne bekommen und musste verfrüht zurück fahren, ja, ich war so durch den Wind, dass ich mein Handy liegen gelassen habe und die Strecke von 80km (Hin+Rück) Abends noch mal fahren musste. Aber ich war da. Ich hatte Spaß, war draußen, hab nicht zuhause auf dem Bett gelegen und geheult, bin nicht zu meiner Mutter gefahren, hab ihr nicht den blöden Sonnenschirm gekauft (sie hat übrigens 3, wird den Sommer also vermutlich überleben).

Heute morgen klingelte das Telefon – eine Freundin. _Nicht_ meine Mutter. Ich war mit dem Hund (meinem ;)) laufen, hab gekocht, bisschen gearbeitet, war einkaufen, bin _nicht_ an ihrem Haus vorbei gefahren, habe sie nicht angerufen, habe nicht meine Tante oder Oma oder sonst wen angerufen um darüber zu reden. Ich hab seit… knapp 30 Stunden oder so nichts von ihr gehört – das ist das letzte Mal vorgekommen, als ich ein paar Tage in Peking unterwegs war.

Eben rief mein Therapeut an um zu fragen, wie der Stand ist. Ich vermisse den Hund (Gitte, ihren Hund) und mach mir Sorgen. Nicht nur um Gitte. Thera sagte, sie sei nicht akut suizidal… ich glaube das einfach mal.

Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was sie wohl macht. Habe eine ganz gute Vorstellung, aber es geht mich im Grunde nichts an. Morgen bin ich tagsüber unterwegs, ursprünglich war der Plan, dass sie wenn ich weg bin in die Wohnung kommt um zu arbeiten… ich bin gespannt, ob jemand da war, wenn ich wiederkomme.

Dienstag startet der Junghunde-Kurs der Hundeschule, den ich mit Gitte besuchen wollte. Wenn sie sich bis dahin nicht gemeldet hat… keine Ahnung, was ich mache. Erst mal wohl gar nichts. Ich fürchte, es ist kaum möglich, hier rüberzubringen wie bizarr sich das anfühlt… ich hab seit Jahren darüber nachgedacht, den Kontakt abzubrechen. Jetzt… schaue ich einfach mal, was von ihr kommt – und befasse mich in der Zwischenzeit zur Abwechslung mit den Entscheidungen, den Pflichten und Freiheiten und der Verantwortung meines eigenen Lebens.

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